Traumatisierter Hund – und nun?

Viele Hunde haben wegen mangelnder Sozialisation im Welpenalter Probleme mit ihrer Umwelt. Und manchmal entwickeln auch Hunde, die den besten Start ins Leben hatten, problematische Verhaltensweisen. Aber was ist zu tun, wenn das Schicksal (oder der Vorbesitzer) Deinem Hund so richtig übel mitgespielt hat? Hier ein paar Tipps für den Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen bei Hunden.

Ein Thema, das leider auch im Leinenlos Rudel präsent ist und Hund-Mensch-Teams ordentlich belasten kann: Unser Tinni hatte bereits im Junghundalter mehrere schlimme Erfahrungen und wird deshalb wohl nie ein ganz “normaler” Hund werden. Daher achten wir ganz besonders auf seine Erziehung und die Art, wie wir mit ihm umgehen.

Wenn Hunde nicht nur aus vernachlässigter Haltung stammen, sondern Misshandlungen und anderen schlimmen Erfahrungen ausgeliefert waren, entwickeln sie möglicherweise einen Zustand, der beim Menschen als posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) beschrieben wird. Traumatische Erfahrungen können grundsätzlich jeden Hund treffen – auch Tiere aus guter Haltung und mit besten Absichten der Hundehalter kommen manchmal mit Erlebnissen nicht oder schlechter zurecht als andere.

PTBS wird im Allgemeinen mit Kriegsheimkehrern in Zusammenhang gebracht, tatsächlich kann es durch jedes subjektiv als katastrophal wahrgenommene Erlebnis entstehen. Wie beim Menschen auch, verkraften manche Hunde Dinge besser oder schlechter als andere. PTBS tritt nicht zwangsläufig auf.

Extreme Angsterlebnisse resultieren oft in verzerrter Wahrnehmung der realen Situation. Die Auslöser, die mit dem angsterzeugenden Erlebnis in Zusammenhang gebracht werden, verarbeitet das Gehirn nicht im Hippocampus, der normalerweise für Erinnerung zuständig ist, sondern in der Amygdala (zuständig für Gefühle). Flashbacks an die angsterzeugende Situation werden vom Hund also nicht bewusst wahrgenommen und sind somit für ihn nicht kontrollierbar.
Diese unbewussten Stressreaktionen sind nicht trainierbar!

Die Auslöser, die das traumatische Erlebnis wieder an die Oberfläche spülen, können vielfältig sein und auch unlogisch. Gerüche, Bewegungen, Orte und vieles mehr kann spontane Angstreaktionen auslösen. Bei unserem Tinni ist es Wasser (Badewannen, Swimmingpools), weil sein Vorbesitzer versucht hatte, ihn zu ertränken. Oft reichen auch weniger klare Auslöser wie der Geruch von Alkohol oder eine zuschlagende Tür für einen Rückfall, je nachdem was der Hund assoziiert.

Folgende Dinge empfehlen wir für Halter von Hunden mit vorhandenen oder vermuteten posttraumatischen Belastungsstörungen:

1. Was genau für den Hund traumatisierend ist, bestimmt der Hund. Niemand sonst. Auch wenn Du das Anlegen eines Halsbandes als keine große Sache ansiehst – für Deinen Hund kann es der absolute Horror sein. Achte stets auf die Körpersprache und mögliche Stresssymptome Deines Hundes. Da muss er durch? Kann in PTBS-Fällen neue Angsttrigger auslösen …

2. Gib Deinem Hund einen oder mehrere Rückzugsorte, wo ihn niemand (nicht mal Du selbst!) stören darf. Sorge dafür, dass der Hund an diesen Sicherheitsinseln niemals Schlechtes erlebt und dort kein Druck auf ihn ausgeübt wird.

3. Gib Deinem Hund die Möglichkeit, seine Welt mitzugestalten. Nichts ist so traumatisierend wie hilflos ausgeliefert zu sein. Tinni hat zum Beispiel ganz bewusst lernen dürfen, dass er seine Umwelt durch (erwünschtes) Verhalten manipulieren kann und so gewann er langsam Vertrauen.

4. Happy Ends sind wichtig! Untersuchungen haben gezeigt, dass das zuletzt in einer Situation Erlebte am besten im Gedächtnis gespeichert wird. Wenn also im Training oder Alltag etwas schief geht – sorge dafür, dass Dein Hund am Schluss eine positive Erfahrung mitnimmt.

5. Lebe mit Deinem Hund im Hier und Jetzt. Natürlich ist es wichtig, auf Traumata einzugehen – zu viele Hundehalter lassen sich aber von den vermuteten oder realen Erlebnissen ihrer Hunde völlig gefangen nehmen und geben ihrem Hund so nie die Chance, das Trauma hinter sich zu lassen. Auch traumatisierte Hunde können tolle Fortschritte machen – vorausgesetzt man hilft ihnen dabei und verliert sich nicht in Mitleid.

6. “Nur keine Veränderungen” – sorge für klare Richtlinien, Sicherheit, einen geordneten Tagesablauf und für den Hund einschätzbare Strukturen. Wenn Du A sagst, muss A immer auch A bedeuten und nie B. Das gilt eigentlich für alle Hunde, aber bei traumatisierten Fellen ist es besonders wichtig!

7. Hab Spaß mit Deinem Hund – und denke nicht nur in Problemen!

8. Erfolg gibt Selbstvertrauen! Finde einen “Job” für Deinen Hund, den er richtig gut machen kann. Unser Tinni ist eine überlegene Spürnase und liebt es, uns mit seinen Fähigkeiten zu verblüffen. Wer stolz ist, kann nicht gleichzeitig depressiv sein ;).

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht, mit welchen Erlebnissen Eurer Hunde habt Ihr zu kämpfen? Oder habt Ihr große oder kleine Erfolgsstories zu erzählen? Dann lasst uns doch in den Kommentaren teilhaben!

20131003_183757Dieser Blogbeitrag ist unserem Tinnitus gewidmet – Kleiner, wir sind stolz auf Dich! 😉